Am Anfang gab es Phở

Völlig gedankenversunken und formverloren ruhte sein Gesicht auf seinem Doppelkinn.
Aus den runden Formen stachen zwei Schlitze heraus, hinter denen zwinkerlose Augen weit hinter der Wand fokussierten.

Plötzlich sprang er auf! Sein Bauch gab seiner Schale mit der Pho-Suppe einen Schubs. Glücklicherweise war sie fast leer, so dass lediglich ein paar Tropfen überschwappten.

Wild mit den Armen fuchtelnd lief er hinaus und wirkte aufgrund seiner gedrungenen Figur, wie ein von einer Walze überfahrender Technotänzer.

Als er pustend die Stelle erreichte, an der eben noch sein Auto stand, blieb ihm nichts anderes übrig, als dem gelb blinkenden Abschleppwagen hinterher zu starren. Es würde ein langer Weg nach Hause, denn Portemonnaie, Handy und Wohnungsschlüssel lagen im Auto. Und als kleiner, dicker, introvertierter Mensch hat man nicht viele Freunde.

Doch seine Oma sagte immer: „Die schönste Hilfe kommt aus einer Richtung die du nicht erwartest.“ Der Abschleppwagen stoppte und der Fahrer winkte, lächelte und signalisierte ihm, zum LKW zu kommen.

Hechelnd stand er keine Minute später unterhalb des Fahrerfensters. „Wie heisst Du?“, fragte ihn der Fahrer.

„Dennis“, antwortete der unfreiwillige Fußgänger.

„Dennis, Du siehst nicht aus, wie jemand den man ahnungslos im Regen stehen lässt.“, holte der Fahrer aus. „Ich muss den Wagen zum Verwahrungshof, bringen aber Du kannst…“ Ein Lächeln setzte an, Dennis Wangen aus seinem Gesicht zu schieben. „Er nimmt mich wenigstens mit!“, dachte Dennis erfreut.

„…ihn dort heute noch abholen.“ beendete der Fahrer seinen Satz.

Na Bumm, das saß! Noch bevor Dennis seinen aufgeklappten Mund wieder unter Kontrolle hatte, bog der Abschleppwagen um die nächste Ecke. „Danke Oma!“, dachte Dennis.

Kälte und Nässe legten sich wie ein zu enger Mantel um Dennis und mit starrem Blick ging er zurück zum Restaurant.

„Es tut mil Leid um Ihren Wagen!“, begrüßte ihn die kleine, zierliche Bedienung. „Soll ich jetzt Ente bringen?“

„Nein danke“, antwortete Dennis. „Ich habe mein Geld und die Haustürschlüssel im Auto.

Das freundliche Lächeln verstarb und das kleine, runde Gesicht der Bedienung schaute ihn ernst an. „Dann können Si nich zahlen und ein Taxi hilft auch nicht?“

Da die kleine vormals freundliche Bedienung ihre Stimme beim letzten Satz angehoben hatte, hatte der Koch offenbar alles mit angehört. Er trat durch den Perlenvorhang aus der Küche in das kleine Restaurant.

Imposant baute er sich vor Dennis auf schaute grimmig auf ihn hinab und dröhnte los: „Ich habe es mit angehört! Das gibt es ja wohl gar nicht. Sie essen hier eine Suppe…“ Dennis es wurde immer kleiner und bleicher.

„… und dann schleppen die vor ihren Augen ihr Auto ab und lassen Sie ohne alles hier zurück! Was soll ich denn jetzt mit ihnen machen?!“

Da die Stimmlage und Sprachmelodie Denis eindeutig verriet, dass dies weder eine Frage war, noch der Koch eine Antwort hören wollte, schaute er stumm zu ihm herauf. Unwillkürlich dachte er an seine Kindheit. So hat er sich immer gefühlt, wenn ein Lehrer vor ihm stand und ihm ein weiteres Mal klarmachte, dass aus ihm nie etwas werden würde.

Und nun stand er hier klein, dick, keine Freunde, kein Geld, keine Schlüssel und eine offene Rechnung.

Zu Fuß durch die Gegend hier bis zum Verwahrungshof zu gehen war definitiv keine Option, es sei denn er würde auch noch auf seine Schuhe und seine Jacke verzichten wollen.

Nachdem der Koch und die kleine Bedienung Blicke ausgetauscht hatten, setzte der Koch wieder an: „Ich habe keine Ahnung wer sie sind und wie sie heißen. Aber sie kommt ja schon so lange her und sind immer freundlich. In 1 Stunde habe ich Feierabend, dann fahre ich sie zu ihrem Auto. Bis dahin genießen Sie bitte noch die Ente. Die Sauce ist mir heute besonders gut gelungen!“

„Die schönste Hilfe kommt aus einer Richtung die du nicht erwartest.“, schoß es Dennis durch den Kopf. In diesem Falle sorgte sie dafür, dass Dennis das wohl aufrichtigste „Danke!“ Seines Lebens über die Lippen brachte und sich glücklich fühlte, wie lange nicht mehr – selbst ohne Schlüssel und ohne Portemonnaie.


Dies ist er erste Teil der Kurzgeschichte „Am Anfang gab es Phở“
Weitere Teile findest Du bald hier auf isso.blog

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