Das Auto – Via con me Teil 5

Weinend lagen wir uns in den Armen. Annas Finger krallten sich in meine Schultern, dass es weh tat. Unsere Körper bebten und schafften es nicht, sich zu einen.
Mit meiner linken Hand streichelte ich ihre schwarzen, kräftigen Haare, die wie immer alles daran setzten, Aufmerksamkeit zu bekommen. Die rechte stützte uns, damit wir nicht gegen das Balkongeländer fielen.

Ich fiel trotzdem! Tiefer und tiefer in meine Emotionen. Ein Blick hatte damals in der U-Bahn genügt, unseren gemeinsamen Weg zu besiegeln. Nun war es ein Satz, der sich so tief in mein Herz geschmolzen hatte, dass mein Brustkorb zu bersten schien. „Wir bekommen ein Kind!“, hatte Anna mit ernster, fast verzweifelter Miene gesagt. Es war das schönste, was ich in meinem Leben gehört hatte.

Ich liebe Anna und wenn wir in Lumpen gehüllt auf der Straße leben müssten, wäre sie immer meine Königin, meine Hübsche, my endless Love!

Aller Konsequenzen waren wir uns noch lange nicht bewusst, warum auch. Es zählte unser Hier und unser Jetzt und meine neue Lieblingszahl war die 3.

Ich bin mir nicht sicher, wie lange wir uns umarmten, doch irgendwann löste Anna sich ein wenig aus ihrem festen Griff und sah mich mit riesengroßen verweinten Augen an. Ihr Kinn zitterte immer noch und kräuselte sich. „Danke Ralph! Ich bin so erleichtert! Jetzt bin ich mir Unserer sicher.“ Sie wies mich zu warten und schlich in die Küche.

Mit zwei Gläsern Rotwein kam sie kurz darauf zurück. Ich konnte ihr offenbar nichts verbergen, sie wusste um meine Gedanken. „Ralph, meiner ist natürlich alkoholfrei und Du hast Deinen Lieblings-Primitivo. Du glaubst gar nicht, wie ich gehofft habe, ihn heute öffnen zu können. Für mich stand alles auf dem Spiel.“

Aber was wollen wir morgen machen, wenn Deine Familie kommt? Wollen wir es ihnen schon sagen? Oder bis nach dem dritten Monat warten? Ich weiß nicht, ob sie eine Veränderung bemerken würden.

Lachend legte sie den Kopf etwas schräg, als wägte sie etwas ab. „Da sie mit Sicherheit etwas merken würden, sollten wir ihnen reinen Wein einschenken. Ich glaube mein Papa wird den ganzen Abend weinen oder tanzen. Er hat sich immer Enkelkinder gewünscht.“ Sie verstellte die Stimme, richtete ihren Oberkörper auf und sprach plötzlich mit noch tieferer Stimme und starkem ausländischen Akzent „Makst Du keine Enkel, ist mein Leben umsonst gewesen. Sie sint Enerkie der Alten.“ Lachend stürzte sie ihren letzten Schluck alkoholfreien Wein und nahm meine Hand. „Lass uns schlafen gehen“.

Ich kann jetzt mit Sicherheit nicht schlafen, wandte ich ein. Sie funkelte mich mit ihren großen Augen an. „Das garantiere ich Dir!“

Am nächsten morgen wachte ich allein im Bett auf. Kaffegeruch lag in der Luft und der Toaster gab sein altersschwaches klappern von sich, als er versuchte, sich  der Last der beiden Scheiben zu entledigen. „Hey Du Schlafmütze, raus aus dem Bett, in einer Stunde sind sie da!“ Ich stieg glücklich und mit einer tiefen Zufriedenheit aus dem Bett. Während ich sie von hinten umarmte, flüsterte ich ihr ins Ohr. Anna, seit gestern Abend bin ich mir sicher, es wird nie etwas zwischen uns kommen.

——

„Herr Anders, wir brauchen bitte eine Entscheidung.“, holte mich die eindringliche, sonore Stimme des Arztes zurück in die Gegenwart. Mir liefen immer noch die Tränen, doch das war mir egal. Alles außer Anna und Lara war mir egal.

„Es muss doch einen Weg ohne Risiko geben!“, doch ich schaute nicht einmal auf, denn ich kannte die Antwort.

„Anna würde wollen, dass Lara jede Chance bekommt, die man ihr geben kann. Bitte helfen Sie uns!“ Ich unterschrieb und mit zustimmendem Nicken verschwand der Arzt hinter der schweren Schiebetür. Unser aller Zukunft lag nun in seinen Händen. Ich spürte, wie zwei Hände mich halten wollten, doch ich war wohl zu schwer und sank schluchzend auf den Boden. Alle meine Energie war zusammen mit dem Arzt hinter der Tür verschwunden.

 


Dies ist die fünfte Szene der Kurzgeschichte „Via con me“.
Die anderen Teile findest Du hier:
Teil 1 Nähe

Teil 2 Das Bindeglied

Teil 3 Quarkbrötchen

Teil 4 Auf nach Marokko – Via von me 4

(weitere folgen bald)

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