Nähe – Via con me Teil 1

Erschrocken sah ich sie an. Sie schüttelte energisch den Kopf.
Das Licht brach ihr so zartes Gesicht in harte Konturen. Ihre dunklen, vollen Haare wippten nach und versuchten sich an ihrem Hals fest zu halten.
Wow, diese Stärke hatte ich schon immer an ihr bewundert.
Eine Strähne war ihr ins Gesicht gefallen. Als ich ihr sie liebevoll wegstreichen wollte, zog sie ihren Kopf zurück.

„Das zieht nicht! Ich habe Dir gesagt, an Ajvar kommt Rotweinessig, kein Weißweinessig!
Jetzt können wir das alles wegwerfen. Soll meine Familie denken, ich kann nicht kochen?“
Sie sah mir tief in die Augen und ich merkte, wie ich unsicher wurde.

Dann nahm sie einen Löffel um zu probieren, ob noch etwas zu retten sei.
Auf Ihrer Stirn entstand dabei eine tiefe Falte. Annas dunkle Augen sahen erst skeptisch in den Topf, dann zu mir.
„Siehst DU? Schmeckt wie immer“, sagte sie und mit einem knuff in die Rippen forderte sie mich heraus, die Situation weiter zu entspannen

Lachend nahm sie Baguette aus dem Brotkorb und wir naschten. „Hhmmm, richtig gut!“, brummte ich und tat einen Schritt auf sie zu.

„Vielleicht passt diese andere Essignote deshalb gut, weil die Auberginen dieses mal so mild und dünnhäutig waren.“, schloss sie das Thema, warf mir einen träumerischen Blick zu, der plötzlich an Härte gewann. „Aber den Tisch musst Du trotzdem zur Strafe decken“.

Ich verbeugte mich unterwürfig und freute mich auf einen schönen, gemeinsamen vorerst letzten Abend mit ihr. Wenn morgen erstmal die Familie da ist, wäre nichts mehr so, wie es war. Obwohl eigentlich wird es so sein, wie es in dieser Familie schon immer war.

Ein bunter, wilder Haufen, lauter und überschwänglicher Menschen, die alle ihr Herz am rechten Fleck haben, wird jegliche Ruhe in diesem Haus vertreiben und unserer jungen Liebe temporär den Garaus machen.

Ich mochte Anna´s Familie sehr und fand es rührend, dass sie beschlossen hatten alle zu kommen, weil Anna durch die Probezeit bei ihrer neuen Arbeit im Sommer nicht zu ihrer Familie fahren konnte.

Als der Tisch eingedeckt war, bemerkte ich im Wohnzimmer und auf dem Balkon Kerzenschein und mit einem verliebten Lächeln trat ich hinaus.

Auf dem für unseren kleinen Balkon viel zu großen Tisch begrüßten mich Oliven, candlestick-1342420_640Kräcker, ein Dip und eine große Flasche Orangina.
Anna nippte an ihrem Glas, stelle es ab, als ich mich setze und wandte sich zu mir.

„Danke Ralph, danke daß Du Dir nicht anmerken läßt, wie Dir meine Leute manchmal auf den Keks gehen!“ Als ich ansetzte wies mich ihre Hand zu schweigen. „Unabhängig von unseren Wurzeln ist mir persönlich meine Familie sehr wichtig. Und auch wenn ich um jede Schwäche weiß, sind alle zusammen genau das, was man in den jeweiligen Momenten braucht – ein Bollwerk, ein Sprungtuch, und immer mindestens drei Meinungen zu einer Frage.“

Als ich ihre Hand nahm, spürte ich einen besonderen Moment. Wie so oft, wenn wir uns langsam näher kamen. Ich versuchte nie zu zeigen, wie verfallen ich ihr war. Ich wusste, dass sie starke Männer mochte.
Doch durch meine Augen sorgte jedes Detail an ihr für noch stärkeres Kribbeln. Ihre kräftigen Hände spiegelten meinen leichten Druck. Und während ich eine hob, um sie sanft zu küssen, blickte ich Anna tief in die Augen.

„Anna, allein weil ich weiß, wie glücklich Dich der Besuch macht, freue ich mich! Es wird sicher eine grandiose Zeit. Und wenn wir von der Arbeit kommen hat Teta Silja etwas schönes für uns gekocht und Dein Vater ein gutes Bierchen aufgetrieben.“

Sie blickte in Gedanken versunken nach vorn und ihre Blicke fielen ins Leere und waren derzeit mit Sicherheit tausende Kilometer entfernt an der Küste ihrer Heimat. Ich nutzte diesen Moment, sie zu beobachten. Ihre hübschen Füße waren gegen das Geländer gestützt. Sie drückte ihren Stuhl leicht zurück auf zwei Beine und wippte hin und her.
Was mochte wohl in dieser wunderschönen Frau gerade vorgehen? Sie wirkte nicht, als ginge sie den Einkaufszettel durch und selbst für sie war diese Denkpause auffallend lang.

„Wir kriegen das alles hin“, sagte ich, um sie zu bestärken und ihr meine Schulter zu bieten. „Ach Ralph wenn Du wüsstest.“ Sie setze den Stuhl abrupt auf seine Beine und drehte sich mit einem Ruck zu mir um. „Sag so etwas nicht einfach daher! Ich würde es mir wünschen, bin mir aber nicht sicher, ob wir eine Chance haben!“

Benommen, versuchte ich einen Sinn hinter ihren Worten zu verstehen. Bis eben war für mich alles in Ordnung. „Anna,…“ setzte ich an. Ihr schossen die Tränen in die Augen. „Ich habe Angst Ralph! Bitte sag mir, dass wir das schaffen.“ und mit erstickter Stimme und fast fragendem Blick schob sie nach „Wir bekommen ein Kind.“


Dies ist die erste Szene einer Kurzgeschichte „Via con me“.
Die anderen Teile findest Du hier:
Teil 1 Nähe

Teil 2 Das Bindeglied

Teil 3 Quarkbrötchen

Teil 4 Auf nach Marokko – Via von me 4

Teil 5 Das Auto

(weitere folgen bald)

7 Kommentare zu „Nähe – Via con me Teil 1

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  1. Danke liebe Heidi! Das schmeichelt mir. Leider habe ich nie gelernt, strukturiert zu schreiben.
    Und man braucht Zeit, die ich jobbedingt leider nicht habe 🙂
    Daher gibt es mich immer nur häppchenweise.
    Einen schönen Sonntag wünsche ich Dir!

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