Judgement Day

Alles war bis ins Detail geplant, doch das Leben lacht manchmal über Theoretiker.

Als ihr Anruf ihn gestern aus seinem Leben gerissen hatte, wusste er sofort, wer am Telefon war.
„Ich bin in New York in unserem Hotelzimmer und habe Dich seit fast vier Wochen gesucht“, hatte sie gesagt.
Viel mehr hatte er nicht mitbekommen. Fieberhaft hatte sein Hirn alles durchgespielt. Egal wie es weiter ging, immer war das Ende das selbe. Er würde das hier alles verlieren.

Ihm wurde klar, dass es nur einen Weg gab. Obwohl er nie im Flieger schlief, ertappte er sich dabei, dass er hoch schreckte, als der Flieger mit einem lauten Ruck signalisierte wieder Boden unter den Füßen zu haben. „Na toll,“, dachte er. „sogar Du verspottest mich. Ich brauche keinen festen Boden!“, grummelte er, denn er würde nun alles auf eine Karte setzen. Und wenn auch auch ein Faktor nicht bedacht war, würde das Kartenhaus einstürzen und alles wäre verloren. Er musste halt derjenige sein, der das Ende schrieb.

Das Taxi, die freie Fahrt in die City, „JA, ein guter Plan ist alles!“, pushte er sich. Dann stand er in der Hotellobby und das Leben lachte wieder über ihn. Er war unvorsichtig gewesen damals. Alle hatten ihn gewarnt, und er war seinem Herzen gefolgt und so verletzt worden wie nie zuvor.

Aber damit war jetzt Schluss. So viele Jahre hatte er sich in Sicherheit und Zufriedenheit geglaubt. Doch heute würde er all dem ein Ende bereiten!

Es tat ihm fast leid, und doch nicht. Ohne Schach jemals verstanden zu haben hatte er alle Partien gespielt und nun stand er da. Völlig fertig, durchgeschwitzt und außerstande auch nur einen Gedanken zu fassen.

15 harte Minuten Meeting mit dem Spiegel in den Waschräumen. Deo, Wasser im Gesicht – nichts half. Er musste unauffällig und lässig aussehen, sonst würde es auffallen, dass er keinen Anspruch auf den Zimmerschlüssel hatte. An dieser Hürde durfte es nicht scheitern…

„Bitte den Schlüssel zu Zimmer 52“, krächzte er und musste spontan an den Abend denken, der sein bisheriges Leben seitdem ad absurdum geführt hatte. Alles war umsonst, aber nun würde er dem ein Ende setzen!

Knapp zwei Minuten später stand er vor dem Zimmer. Er bemerkte, wie seine Schläfen- und Nackenhaare klitschnass an seiner Haut klebten.

Als sie die Tür öffnete, war er vorbereitet. Im Flieger konnte er es nicht mitführen, daher hatte er eben im Drugstore noch eingekauft.
Sie hatten nichts anderes, daher griff er nun in seine rechte Jacketttasche und zog das Kellnermesser.

Sie schrak zurück, als er mit dem Messer in der Hand vor ihr stand. Dann riss er etwas unbeholfen, aber durchaus beeindruckend seinen linken Arm hoch.

„Du hast gesagt, dass Du süßen roten am liebsten magst“, sprach sein Mund. Sie sah ihn an, dann die Flasche Wein, und er beobachtete, wie sie in Tränen ausbrach und ihn in den Arm nahm.

candles-195109_1920

Advertisements

Ein Gedanke zu “Judgement Day

  1. Oh sehr schön, es geht weiter mit der Story 🙂 , das freut. Geiler Spannungsaufbau…und ich warte jetzt schon auf die Beantwortung der offenen Fragen: Was verliert er alles? Wie lief sein Leben zwischendurch? Ich will nicht drängen, ABER als Frau bin ich notorisch neugierig. Liebe Grüße

    Gefällt 2 Personen

Was meinst Du zu diesem Beitrag?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s