Mit Deinem Wort direkt in meine Seele

Gedämpftes Licht umgibt uns. Ich sitze auf dem Sofa, die Beine wie zum Schutz an mich herangezogen. Aufgebracht schreitest Du vor dem Kamin auf und ab. Jedes Wort transportiert Deine Enttäuschung.
Ich finde auch, Du hast so etwas nicht verdient hast. Den Geruch des Kaminfeuers, Dein maskulines Aftershave, sogar den morbiden Geruch des postmodernen Lesezimmers kann ich riechen. Du bist so nah, so wahr und ich kann es kaum erwarten, wie es weiter geht!
Trotzdem klappe ich das Buch zu. Ich muss unbedingt etwas essen.

Diese Situation oder ähnliche kennt sicher jeder von uns…

Man liest ein gutes Buch und versinkt völlig darin, kennt jeden Charakter seit Jahren, und identifiziert sich mit jemandem. Man fiebert mit und weint vor Trauer, wenn jemand stirbt.
Kids verlieben sich Hals über Kopf in Fremde, indem sie sich 160- Zeichen Nachriten schreiben.
Wir verdrehen die Augen und wenden uns ernsthaft unserem Computer zu. Lesen den neuen Post auf unserem Lieblingsblog. Seit Jahren wissen wir um alle Höhen und Tiefen, kulinarische Ergüsse und neulich die Peinliche Situation war wirklich zum Brüllen.

Ein Großteil unserer Real-Life-Kommunikation erfolgt nonverbal. Anhand unserer Gestik, Mimik und der Körperhaltung verraten wir unserem Gegenüber genau, was wir wirklich denken.

Doch wie kommt es, dass wir uns auch bei geschriebenem Wort so persönlich angesprochen fühlen, wie beispielsweise bei der obigen Eingangsszene?

Schriftsteller können außergewöhnlich gut sein, aber ja kein Magier, in dessen Buch sich der Inhalt an den jeweiligen Leser anpasst und so unter die Haut geht.
Und der Blog, den wir schon so lange verfolgen, ist ja noch nicht mal von einem Profi verfasst.

Wie funktioniert das?
Ich vermute die Lösung ganz tief in uns verankert. Nein keine Angst, nun komme ich nicht mit Urzeit und Sippe am Feuer, Mann schleppt Frau in die Höhle – und irgendwie doch, aber nur peripher.

So unterschiedlich jeder einzelne von uns ist, verbindet uns doch ein gewaltiges Band: Unsere Gesellschaft. Wir teilen die selben Freuden, Ängste und auch Schranken. Fast jeder von uns hat schon mal eine große Liebe verloren, diese Angst gespürt, als man am ersten Tag vor der Eingangstür einer neuen Schule oder Firma gestanden hat.

Natürlich haben wir grund-unterschiedliche Geschmäcker, aber so sind die Bücher und Blogs ja auch, die wir lesen. So wie sich der Topf seinen Deckel sucht, finden wir aus tausenden Büchern ein passendes für uns – Genau passend für unsere aktuelle Situation und Stimmung. Dadurch dass beim geschriebenen Wort viele optische und haptische Details fehlen, ist unser Gehirn beim lesen sehr aktiv und schmückt die fremden Worte mit teils sehr detaillierten Details zu Charakteren und Situationen. Wir konsumieren also nicht nur, sondern stricken dem Text ein Gewand aus unserer Vorstellungskraft. So verstricken wir uns immer tiefer in die Geschichte…

Natürlich sind es nicht nur unsere Vorlieben, sondern auch die Qualität des Textes, die darüber entscheiden, ob wir ihn annehmen uns uns ganz in ihn vertiefen können.

Und wenn wir Glück haben, dann lernen wir jemanden kennen, der ähnliche Interessen hat wie wir. Jemand der in der Lage ist, seine Gedanken so in Worte zu fassen, dass sie sich mit unseren treffen. Früher waren es Brieffreundschaften, heute Mails oder Chats.
Auch ohne persönlichen Kontakt lernen wir Menschen kennen und schätzen. Und wenn es besonders gut passt, kann es so nah sein, wie das Gefühl beim Lesen des Buches in der Eingangszene.

Allerdings birgt diese schriftliche Nähe auch eine große Gefahr. Wir müssen darauf vertrauen, dass unser Gegenüber ehrlich ist, denn wir haben unsere instinktiven Prüfroutinen in Form von Gestik und Mimik nicht.

Insbesondere bei oberflächlichen Kurzmitteilungsdiensten haben wir mangels Satzbildungs- und Ausdrucksmöglichkeitenkeit jenseits der Emojies kaum eine Chance zu erkennen, was wahr ist.

Doch selbst bei reinen Onlinebekanntschaften kann man ja viel zwischen den Zeilen lesen und sieht so mit jedem Schriftwechsel ein Stück mehr vom Ganzen. Getäuscht hat sich bei persönlichen Freundschaften sicher auch jeder schon mal in einem Menschen – ganz sicher kann man da nie sein, denn wir sehen, lesen und bemerken häufig nur das, was wir sehen wollen; das ist jedoch ein separates Thema.

Danke an alle meine Follower und diejenigen, die mir durch ihre Kommentare jeden Tag ein wenig bekannter und lieber werden. Ich hoffe, ich habt im Laufe meiner Posts etwas über mich erfahren können und aufgrund der offenen Worte und Emotionen Vertrauen gefasst.
Jedes Wort hier schreibe ich so, wie ich es meine…… oder? 😉
Keine Angst!  Ja, ich bin wirklich ehrlich zu Euch – isso !
Euer Patrick

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13 Gedanken zu “Mit Deinem Wort direkt in meine Seele

  1. Die Eingangszene war wirklich packend 😉
    Ich denke, die richtigen Worte zu finden, bei denen ein anderer denkt: Ja, haargenau so ist es auch bei mir! ist gar nicht so einfach. Oft greifen wir auf Floskeln oder Klischee-Formulierungen zurück, die jedoch keinen tiefen Eindruck beim anderen hinterlassen, sondern schlicht überlesen werden…

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  2. Ein sehr schöner Text, indem viel Wahrheit steckt! Ich denke, dass uns gerade die Online-Welt Möglichkeiten gibt über Themen zu sprechen, die man im Real-Life als Tabu-Thema sieht.

    Mir ging es und geht es immer noch oft so, dass ich denke mit meinen abartigen Gedanken und Gefühlen allein zu sein, weil uns die Gesellschaft erzogen hat in der Öffentlichkeit eine Maske zu tragen. Erst durch meinen Blog habe ich mitbekommen, dass jeder Mansch an der ein oder anderen Stelle zu kämpfen hat und dass es selbst Leute gibt, die wie ich „Sommerhasser“ sind ;).

    Alles Liebe, Julia der Psycho 😉

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      1. Du hast vollkommen recht! Nur vergesse ich das manchmal, weil die meisten Menschen nicht offen darüber reden. Naja, aber an der Gesellschaft rumzumeckern ist verlorene Lebenszeit. 😉

        Ich wünsche dir auch noch ein schönes Restwochenende, lieber Patrick! 💜

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  3. das geschriebene wort und das internet können fluch und segen sein – mir haben sie jedenfalls schon 2 menschen geschenkt, die in meinem engsten freundeskreis angekommen sind und die ich nicht missen möchte. es ist schön, menschen online zu begleiten und ja, manchmal täuscht man sich. aber wie du sagst – das passiert auch in der realität. vielleicht anders. aber nicht besser oder schlechter.

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    1. Jein, da gebe ich Dir Recht und auch nicht. Man kann sich über diese anonyme Kommunikation viel einfacher verstellen. Nicht umsonst gibt es so viele Fake-Profile und geschönte Identitäten. Dies geschieht sicher manchmal aufgrund mangelnder Selbsteinschätzung, häufig jedoch ganz bewusst.
      Im Real-Life finde ich es einfacher dahinter zu kommen.

      Schön ist es, dass Du zwei mal gute Erfahrungen gemacht hast mit Onlinebekanntschaften, die sich dann zu echten Freunden gemausert haben 🙂

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      1. das stimmt – aber passiert es denkst du wirklich SO häufig, dass sich menschen über lange zeit diese mühe machen? ich tu mir schwer das einzuschätzen, ich bin bisher glücklicherweise von schlechten erfahrungen weitgehend verschont geblieben und doch schon viele jahre intensiv im www unterwegs.

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