Die Auflösung zu: Selbstwahrnehmung – ist Schönreden Selbstschutz?

Vor 6 Wochen habe ich im Zusammenhang mit meinem Beitrag „Selbstwahrnehmung – ist Schönreden Selbstschutz?“ ein Selbstexperiment gestartet.

Um mich herum beobachte ich täglich, wie Menschen sich und ihre Möglichkeiten völlig falsch wahrnehmen. Ist es Selbstschutz? Oder sehen wir unser verzerrtes Selbstbild aufgrund unserer Perspektive anders, als unsere Umwelt dies tut?

2 Monate lang schaue ich mir kritisch aufs Spiegelbild, meine Hände und ihre Taten und zur Krönung hat der König sich selbst aufs Maul geschaut…

Das Fazit ist ernüchternd und um es zu veröffentlichen muss ich ganz schön die Hosen herunter lassen.

Folgendes ist mit aufgefallen:

  1. Der alle meine negativen Eigenschaften, die ich mir zuschreibe haben sich bewahrheitet.
    Diesbezüglich kann ich also leider nicht sagen, dass die Selbstwahrnehmung nur in eine Richtung fungiert. Ich bin: fordernd, egozentrisch, neurotisch, unnahbar und falle meinen Mitmenschen gern ins Wort.
  2. Im Gegenzug haben sich genau die Eigenschaften bestätigt, die ich auf einer großen Fahne vor mir her trage: authentisch, charmant, großzügig, initiativ, loyal, kompetent, intelligent, liebenswert, wissbegierig, zuverlässig. Einfach ein geiler Typ mit dem man Pferde stehlen kann.

Was sagt das jetzt? NOCH gar nichts, denn ich habe diese Liste mit dem abgeglichen, was andere über mich sagen (anonymisiert eingeholt). Erfreulich fand ich, dass der erwartete Verriss ausblieb. Andererseits schwappte mir zur Freude und Entsetzen genau das entgegen, was ich befürchtet hatte „Gesprächsdominant, witzig, smart, übernimmt sich, unkompliziert, anstrengend, verlässlich, spontan, tolerant und (wer war das?!) intolerant, charismatisch, chauvinistisch, vielfältig“.

Und da habe ich genau das Ergebnis, was ich erwartet habe. Ich habe spontan an das Gleichnis der Blinden Männer, die einen Elefanten beschreiben, denken müssen.

Hier ein kurzer Auszug des Artikels: Der Blinde, der das Bein befühlt, sagt, dass ein Elefant wie eine Säule sei; der, der den Schwanz befühlt, dass ein Elefant sich wie ein Seil anfühle; der, der, der das Ohr befühlt, dass ein Elefant wie ein Handfächer sein müsse etc.

Und was hat das mit diesem Selbstexperiment zu tun?

Ich bin genau wie jeder, der seine Meinung kund getan hat, einer der Blinden. Je nach Betrachtungswinkel sieht man leider jew28706237565_441ebd506e_o Kopieeils nur einen Teil. Soweit leuchtet das ein und ich erkläre mich hiermit für unheilbar Schrägeigenperspektivisch. Ich werde zukünftig mein Umfeld genauer beobachten oder mich auch mal austauschen um einen genaueren Außen-Eindruck von mir zu gelangen.

Soweit so gut, jedoch ist da im Beitrag auch das Beispiel des faden Beigeschmackes.

Jemand sitzt mir gegenüber und obwohl seine Gestik, Mimik als auch seine Worte einheitlich kommunizieren, nehme ich ihm das nicht ab. In meinem Beispiel versprach mir jemand etwas, was er nicht einhalten konnte. Ich glaube so etwas hat zweierlei Ursachen. Nummer eins ist der unseriöse Verkäufer, der seine Lüge schon so oft erzählt hat, dass er sie nur noch als Teilwahrheit sieht und sich deshalb nicht durch seine Mimik oder Gestik verrät.

Und die Nummer zwei ist der übermotivierte, der es wirklich gut meint und sich nur übernimmt. Und diesem Falle werde ich zukünftig gleich einschreiten und das Versprochene so besprechen, dass er sich nicht übernimmt und ich meine Informationen in einem vertretbaren Zeitrahmen erhalte.

„Der Bauch, die Nase und das Pizzagesicht“ sind eigentlich arme Kerle, denn sie könnten, wenn sie nicht so mit ihrer Selbstüberzeichnung beschäftigt wären bemerken, dass der wesentlich bessere Weg die Gruppe „Mädelsabend“ ein paar Tische weiter wäre, die bereits den ganzen Abend versuchen Blickkontaktzu ihnen aufzubauen – keine 20 mehr, aber intelligent, hübsch und in ihrem Alter 😉 Mit ihnen hätte man gemeinsame Gesprächthemen, Gesellschaft auf Augenhöhe und einen super netten Abend.

Sooo viel Text, ich danke euch fürs Durchhalten!

Fazit meines Fazits: In den meisten Fällen ist es kein Selbstschutz, sondern mangelndes Wissen über sich selbst aufgrund der begrenzten Möglichkeit sich selbst als Ganzes zu sehen und zu beobachten. UND: Menschen sind so etwas von interessant. Und je mehr ich mich mit ihnen auseinander setze, desto vielfältiger und einfältiger werden sie…. es gibt so viel zu entdecken. Stay tuned 😉

 

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21 Gedanken zu “Die Auflösung zu: Selbstwahrnehmung – ist Schönreden Selbstschutz?

  1. Wow ich bin beeindruckt Patrick, Selbstreflektion ist eines der schwierigsten Themen und je nach Gemütszustand und Tagesform nimmt man sich nochmals anders wahr.
    In einer guten Partnerschaft kann mit Sicherheit der mal eigene Partner(in) die Einschätzung am besten abgeben, selbst, wenn man das oft gar nicht wahr haben will.
    Ich finde deine Auswertung aber menschlich normal, mit guten und weniger guten Seiten, wie wir sie wohl alle kennen.
    Lieben ♥ Dank für’s teilhaben lassen, immer wieder interessant.

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  2. Hi Patrick,
    in den letzten Monaten war ich ja eher stiller Mitleser, manchmal kosten private Sachen einfach soviel Energie, dass es für mehr nicht reicht – deshalb heute ein um so längerer Kommi (VORWARNUNG 😉 )
    An Deinen Beitrag zum Beginn des Experiments kann ich mich auch ohne nachzulesen (und das obwohl ich ca. 60 Blogs lese) sehr gut erinnern. Nicht weil ich ein Elefant bin, sondern, weil ich zu der Zeit in den Genuss des Phänomens einer großen Mind-Behavior-Gap durch einen meiner 4 Chefs kam. Damals nahm ich mir vor, dazu auch noch einen entsprechenden Blogeintrag (zur Gap, nicht zum Chef 😉 ) zu schreiben – wird demnächst nachgeholt. Ja, die Größe der Lücke zwischen dem, wie wir uns selbst sehen möchten und unserem Verhalten nach außen, bestimmt unseren Grad an Zufriedenheit. Sicher geht unser mindset von einem Ideal aus, aber dafür sind wir Menschen und dürfen uns immer weiter entwickeln – hoffentlich auf unser Ideal zu. Selbstreflexion hilft dabei sehr, darf aber auch nicht übertrieben werden. Denn unser Fokus bestimmt unsere Wahrnehmung und der ist je nach Situation persönlich eingefärbt. Deshalb hat mir Dein Satz des „geilen Typens zum Pferdestehlen“ nicht nur einen lauten Lacher entlockt, sondern die doch sehr persönlichen und kritischen Betrachtungen Deiner vorherigen Sätze wieder ausgeglichen. Danke fürs Mitteilen an dieser Stelle.

    Ich durfte im vorletzten Sommer nach einer Zeit des absoluten Rückzugs von anderen Menschen und des Kleinmachens für jmd anderen, die Erfahrung machen, dass ich sehr viel positiver wahrgenommen werde, als ich mich selbst sah. Zu dem Zeitpunkt dümpelten mein Selbstwert und auch mein Selbstvertrauen irgendwo in Kellerverliesen herum. Dadurch hatte ich aber die Chance eines Resets. Nicht, dass dadurch ein neuer Mensch entstanden wäre. Ich habe aber meine Werte und Grenzen während dieser Aufbauarbeit genauer definiert. Infolgedessen traute ich mich ans Bloggen (und den Internetkram grins), und dabei ist dann auch das Blog-Ego der Mondgöttin entstanden, die letztendlich ein Teil von mir ist.
    Studien haben übrigens gezeigt, dass wir nur 3 (!!!) % unseres Gegenübers erfassen können. Uns also 97% von ihm/ihr verborgen bleiben. In engen Partnerschaften liegt der Wert zwar etwas höher, trotzdem würde ich z.B. nie wieder behaupten: „Ich kenne meinen Partner“. Deshalb finde ich es immer wieder spannend, Einblicke in Menschen und ihre Gedanken, Beweggründe etc zu erhalten. Jeder ist ein ganz eigener Kosmos, hat seine eigenen verborgenen Motivationen und Gründe zum Handeln und kann sich in bestimmten Situationen nicht anders verhalten, als er es tut. Wie zum Beispiel der Vertreter, der Dir gegenübersaß und den Du nicht als authentisch wahrgenommen hast, weil Deine intuitiven Alarmglocken zuverlässig sind. Und auf „komische Gefühle“ sollte man hören, lernen wir schon als Kind 😉 .

    Wer sich also nicht selbst reflektiert, weil er es nicht kann oder will, kann mir demnach „Banane“ sein, auch, dass dessen Mind-Behavior-Gap immer größer wird. Schließlich sind das innerlich höchst unzufriedene Menschen – und mit wem ich mich umgebe, bestimme immer noch ich. Also ich hätte Nase, Bauch und Pizzagesicht aus diesem Grund niemals angeflirtet :-DDD

    Ich bin trotzdem gespannt auf Deine weiteren Ausführungen zum Thema und schick liebe Grüße von der anderen Seite der Elbe

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    1. Patrick H.

      Wow so viele Buchstaben, jetzt brauchst Du bestimmt eine neue Taststur. 😉
      Vielen Dank dafür, dass du bis zum Ende meines Textes durchgehalten hast und dich mit der Thematik auseinandergesetzt hast!
      Von den 3%, die wir wahrnehmen, ist ein Großteil non-verbal. Da sieht man, wie wenig Worte wert sind. Danke für den Einblick in deine Erfahrungen mit diesem Thema!
      Liebe Grüße
      Patrick

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  3. Meine Referenz in Sachen Selbstwahrnehmung bleibt “die kleine Frau Marbel” von Luise Rinser. Handelt in der Nachkriegszeit. Die jungen Menschen hungern, während Frau Marbel im Altenheim eigentlich genug hat. Also will Frau Marbel den jungen Menschen etwas abgeben von ihren Mahlzeiten. Die jungen Menschen aber ekeln sich vor Frau Marbel so sehr, dass sie lieber hungern, als etwas von ihr anzunehmen… Auch wird in Frauenzeitschriften öfters thematisiert, dass Frauen ab einem bestimmten Alter “unsichtbar” werden, eine Wahrnehmung also generell ausbleibt, weil, da sitzt ja niemand… Sich bei Freunden und Bekannten nach ihrer Wahrnehmung zu erkundigen, empfinde ich als ein amüsantes Gesellschaftsspiel, die Härte ist aber wohl eher nicht.

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    1. Patrick H.

      Wobei das Thema Wahrnehmung Mann zu Frau natürlich nur ein Teilaspekt ist.
      Meine „Umfrage“ war sicher nicht repräsentativ“ ist ja aber auch keine Dissertation, sondern eher ein Erfahrungsbericht bzw. Reflexionsexibitionismus 😉

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  4. Ich denke, einen Großteil dessen, wie wir uns sehen, bestimmt auch die Erziehung. Wenn ich als Kind/Jugendlicher immer wieder z.B. gesagt bekomme, dass ich etwas nicht kann/bin, dann glaube ich das auch irgendwann. In etwa in Richtung selbsterfüllende Prophezeiung.
    Funktioniert auch in der anderen Richtung.
    Lebensphase, Gemütszustand und Erfahrung tragen dann ein Übriges dazu bei. Und wie Du schon selbst festgestellt hast, kein Mensch ist nur tolerant, es gibt immer auch einen Gegenpol in uns. Stichwort Ying-Yang. Wichtig finde ich, dass man authentisch bleibt und sich selbst treu. Eine Fortsetzung kommt da hoffentlich nochmal. Liebe Grüße, Kerstin

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  5. Da hast Du aber ganz schön kritisch auf die Leute geschaut, aber ja, super analysiert. Der „Der Mädelsabend“ gefällt mir sehr gut, dass hast Du gut beobachtet. 😊 Ich geh zwar eher selten weg, aber ich höre immer was meine Freundin berichtet. 😉
    Bin gespannt was noch kommt…
    Schöner Beitrag Patrick.

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    1. Patrick H.

      Dankeschön Maren,
      das mit den drei Herren und dem Mädelsabend ist ein „ausgeschmücktes situatives Beispiel“ stellvertretend für diverse Situationen, die ich so erlebt oder vielmehr beobachtet habe. Das mit dem Mädelsabend betraf nur einen Herren, der sich an die junge Tresenkraft klammerte, während er zu seinem Pech die Avancen der anderen Frau nicht mitbekam. So ging er leer aus, da er von der Barfrau nicht mehr als Drinks und Standardsprüche bekam . 🙂
      Das Beispiel mit dem Vertreter habe ich 1:1 abgebildet. Also gut beobachtet, aber nicht genau in dieser Konstellation.
      LG
      Patrick

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      1. 😊 Also Vertreter gibt es ja in den verschiedensten Verpackungen. 🙄 Aber es ist auch kein leichter Job, trotzdem überlege ich immer wieder, nach welchen Gesichtspunkten manche von ihnen eingestellt wurden. 😳 So kann man nichts verkaufen. Da fehlt einfach Herzblut zum Produkt.

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  6. Sehr interessant und noch nicht vorbei, ich bleib dran 😀 Ich finde Flowermaid hat es gut in Worte gefasst. Denn bei allem Analysieren und diskutieren – alles muss im Fluss bleiben. Also weniger denken, mehr machen und das am besten positiv. Dann ziehen wir auch diese positiven Dinge und Menschen an 🙂

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  7. Ich beobachte sehr viel, andere und natürlich auch mich selbst. Allerdings bringe ich das in meinen Arbeiten zutage, nicht in dieser Form, in welcher Du es hier offenbarst. Ich bin also die „Versteckte“, lieber Patrick :-).

    Du sprichst das „Nonverbale“ an. Dieses spielt eine sehr große Rolle. Es gibt ja Bücher von Samy Molcho, ein Spezialist für Körpersprache (ich besitze sogar ein signiertes Exemplar – ich Glückliche). Es ist so unglaublich interessant, was uns im Alltag von Menschen erzählt wird, indem sie NICHTS sagen, kein einziges Wort sprechen: Schmerz, Liebe, Anmache, Freude, Trauer, Verzweiflung und vieles mehr.

    Ich könnte darüber ein Lied singen, denn ich bin eine HSP und nehme viele Eindrücke wahr, ohne diese wahrnehmen zu wollen. Manche Male bin ich leider nicht imstande, diese zu filtern. So prasseln sie also ungefiltert auf mir nieder – ob ich nun will oder nicht. Daraus entstehen dann die Gedichte oder Geschichten, u.a..
    Wenn wir also die Augen offen halten, wieder „Freunde“unserer eigenen Wahrnehmung werden, so erkennen wir unglaublich viel Neues, Bewegendes, aber auch Er- oder Bedrückendes. Doch all dies gehört zum Leben – dieses Auf und Ab, diese Fort- und BeWEGung.

    Zur Selbtwahrnehmung:
    Vor einigen Monaten sagte eine Frau zu mir:

    „Du bist nicht gern unter vielen Menschen, fühlst Dich bedroht. Doch aber magst Du sie, auf Deine eigene Art und Weise. Man sieht Dir an, dass Du Dich in Deiner eigenen Haut nicht wohl fühlst. Meinst Du, das könnte sich ändern?“

    Oh mein Gott! Wie wahr hatte sie gesprochen! Ich fühle mich unter vielen Menschen unwohl – zumindest an diesem Abend war das so. Die Atmosphäre (als HSP bin ich da überaus empfindlich) war nicht stimmig für mich, irgend etwas störte mich.
    Und: Ich war übergewichtig – seit 5 Jahren – und konnte diesen Zustand nicht ertragen. Ich rutschte auf dem Hocker hin und her, zerrte an meinem überlangen Shirt herum und meine langen Haare störten mich. Ständig spielte ich an ihnen herum. Nie lagen sie richtig!
    Schon fremde, allerdings sensible Menschen erkannten das.

    Also änderte ich es und begann im Mai mit der Gewichtsabnahme (heute 18 kg) und siehe da, ich kann mich wieder leiden und bewege mich wieder LEICHTER durch die Menschen – im wahrsten Sinne des Wortes.

    Du siehst, Dein Beitrag animiert mich zum Nachdenken und Schreiben und dafür danke ich Dir. Du warst so ehrlich, also möchte ich es auch sein. Zumindest kommt es einem Versuch nahe. 🙂

    Herzliche Grüße

    Sylvia

    Gefällt 1 Person

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