Auf der Flucht vor Tod und Bomben in Hamburg

Wieder auf der Flucht vor Tod und Bomben

Alles, was irgendwie Räder wurde notdürftig fahrbereit gemacht. Wenn überhaupt die nötigste Habe und eine Decke dabei und voller Angst vor der Zukunft standen sie am Sammelpunkt. Soldaten den Frauen und Kindern auf die Ladeflächen der Pferdefuhrwerke. Alles motorbetriebene war ja von der Armee beschlagnahmt.

So schnell es ging, verließ der Treck das Hamburger Stadtgebiet in Richtung Sachsenwald. Der permanente Begleiter: Weinen, schmerzvolles Wimmern und Kindergeschrei.

Auf demWagen vor uns brachte eine Frau ihr Kind zur Welt – zu früh, zu viel Angst, zu erbärmlich. Was war das für ein Start in eine Welt voller Krieg, Verschleppung, Deportation und ohne Perspektive? Was sollte aus diesem armen Baby werden?

Allen von uns war klar: Der Krieg ist verloren. Aber an Aufgeben durften wir nicht denken, geschweige darüber reden.

Am Folgetag wurden wir auf Bauernhöfe im Kreis Herzogtum Lauenburg und Kreis Stormarn verteilt. Hier wurden wir unfreiwillig, aber mit offenen Armen aufgenommen. Als Flüchtling ohne Hab und Gut im eigenen Land.

Immer wieder hörten wir die Flieger und in unseren Träumen durchlebten wir das Chaos, den Tod und die Zerstörung, die aus unserem Hamburg nicht viel mehr, als einen nach Verwesung stinkenden Haufen Steine gemacht hatte. Jede Nacht diesen Alptraum erneut durchleben. Und doch konnten wir froh sein! Wir waren am Leben, tranken sauberes Wasser und hofften bald zurückkehren zu können.

Uns war eine neue Welt versprochen worden. Die hatten wir nun! Allerdings sah die Wahrheit nun anders aus, als in den markigen Parolen und den Reden an das Volk.

Lüge und Elend – Das war alles?

Anmerkung des Autors:
Meine Oma kann bis heute kaum über diese Erlebnisse sprechen. Sie hofft, dass die Welt nie vergisst, wieviel Tod und Elend sie und ihre Mitmenschen durchleben mussten.

In diesem Text gebe ich die Erinnerungen meiner Oma wieder, die trotz ihres schönen Lebens, das sie gehabt hat, immer noch schreckliche Gedanken mit sich trägt. Es gibt Ereignisse, die kann ein Mensch nicht verarbeiten oder vergessen. Und ich meine, wir alle sollten es auch nicht!

Ich bin gegen das Vergessen
https://sckling.wordpress.com/portfolio/gegen-das-vergessen/

Foto dankend von Erin Stevensons O’Connor

Advertisements

14 Gedanken zu “Auf der Flucht vor Tod und Bomben in Hamburg

  1. Danke, lieber Patrick!

    Immer und immer wieder – sollten „sie“ uns auch für „verrückt erklären“ – wir müssen es immer wieder aufschreiben. Gerade diese wertvollen Erinnerungen unserer Mütter, Väter und Großeltern sind es, die aufrütteln sollten.
    Meine Mutti hat auch noch Erinnerungen und erst gestern habe ich sie gefragt, ob sie mir einige Details erzählen könnte. Sie sagte gestern nur kurz: „Wir durften nicht darüber sprechen, nicht in der DDR.“
    Wenn dieser Tag kommen wird, dass sie erzählt, weiß ich, dass ich wieder weinen werde – so, wie bei Deinem Beitrag.

    DANKE

    Herzlichst,

    Sylvia

    PS: Ich habe Deinen Beitrag im „Portfolio“ ergänzt.

    Gefällt 2 Personen

    1. Patrick H.

      Danke für Deine Worte! Liebe Grüße an Deine Mutter.
      Schön, dass wir uns Wächter der Wahrheit nennen können. Die Wahrheit, die uns und unsere Eltern und Großeltern bis heute zu Tränen rührt…

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Teilnahme am Projekt „Gegen das Vergessen“ | Querdenkende

  3. Meine Mutter hat auch so Einiges erzählt, als sie noch lebte. Aber selbst sie wurde im Alter wieder von der Ausländerfeindlichkeit angesteckt, wo sie uns doch immer gepredigt hatte, dass man niemanden auf Grund seiner Nationalität oder Hautfarbe oder Glauben aburteilen sollte.

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, auch wenn man selbst drunter gelitten hat und die Vernunft sagt, dass es falsch ist so zu denken, keimt die Saat irgendwann und muss unterdrückt oder verarbeitet werden.
      Danke für Deine Gedanken! Mir ist auch schon aufgefallen, dass ein gewisses braunes Potential bei mehr Menschen vorhanden ist, als ich früher gedacht habe.
      Wir sind halt eine dominante Rasse….

      Gefällt 1 Person

      1. Ich finde eigentlich, dass Menschen überall so reagieren. Sobald sie ihre eigenen Privilegien gefährdet sehen und da eine rivalisierende Gruppe ist. Z. B. auf Ceylon die Hindus und die Buddhisten, in Irland die Katholiken und Protestanten etc. etc., es müssen keine religiösen Hintergründe sein; überall wo eine Gruppe meint, sie wäre unterpreviligiert und die anderen hätten sich unrechtmässig was angeeignet und würden sie damit schädigen. Menschen sind so ziemlich alle gleich … 😉

        Gefällt 1 Person

Was meinst Du zu diesem Beitrag?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s