Letzter Atemzug – Dunkelheit

Es kam ihm so ewig vor. Ein Leben lang her, seitdem er in diesem dunklen, feucht-modrigen Keller erwacht war.

Er konnte sich noch genau daran erinnern, wie er diese wunderhübsche Frau kennengelernt hatte; viel zu hübsch für ihn – und sie fand ihn interessant, lachte über seine Witze und irgendwie fesselte sie ihn und er verlor sich in ihr.

Dann wachte er hier auf. Es musste eine Art Verlies in einem tiefen Keller sein. Es gab keinerlei Geräusche, außer dem Brummen der Lampe irgendwo im Gang weiter hinten. Das Licht war so weit entfernt und so regelmäßig, dass er nicht wusste, wie lange er bereits hier eingesperrt war.

Ohne Fixpunkt wusste er nicht, ob Sekunden, oder Minuten vergehen. Seine Gedanken hatten bereits alle Kreuzungen seines Lebens durchdacht. Wäre er nur einmal anders abgebogen, so wäre er vielleicht noch in dieser romantischen Bar und hätte das, was er eigentlich wollte. Seit Jahren wollte er ihn ganz unverbindlich auf ein Guinness einladen und dann sehen, was passiert. Er war nicht schwul, aber Lutz elektrisierte ihn auf eine Weise, wie er es nur bei sonst nur bei so selbstsicheren Frauen mit dieser etwas resoluten Ausstrahlung erfuhr. So wie Lea gestern, sie hatte seinen Brustkorb zum Lodern gebracht… Wie konnte er sich nur so täuschen!

Sein Magen schmerzte und es fühlte sich alles so zäh an, als wäre sein Blut zu Marmelade geworden. Marmelade, die sich langsam wabernd über den Boden ausbreiten würde, wenn er es übers Herz brächte all diesem ein Ende zu bereiten.

Schritte! Im Flur hörte er eindeutig hohe Schuhe, auf denen sich jemand schwingenden Schrittes näherte. Vor seinen Augen sah er wieder sie, wie sie langsam durch die Bar auf ihn zukam. Das war der Anfang seines Untergangs.

Die Tür wurde einen kleinen Spalt geöffnet, bis sie an einer Art metallischen Anschlag stoppte. „Hier etwas Brot“ sagte sie fast teilnahmslos aber gleich darauf mit schneidender Stimme „Und wenn du sofort aufhörst, an der Tür herumzukratzen und zu ruckeln, bekommst du heute Abend ein wenig Wasser.“

Wasser – Sonst hatte er immer alles und musste sich nie Gedanken um etwas machen, und jetzt war Wasser das Einzige, was er wirklich wollte. „Ein Königreich für einen Schluck Wasser“ schoss es ihm durch den Kopf. Lächerlich schmerzlich. Ihm schossen die Tränen in die Augen.

So schnell wie sie bei ihm vor der Tür stand war sie wieder weg.

Er wandte sich seinem kargen Essen zu, ein nicht mal faustgroßes Stück Brot. Langsam und genüsslich biss er hinein. Sofort überkam ihn der Brechreiz. Das Brot war völlig verschimmelt.

Die Dunkelheit stürzte sich auf ihn, er brach zusammen und weinte. Voller Traurigkeit und Verzweiflung sank er schluchzend zu Boden. Der Druck auf seinen Brustkorb wurde unerträglich und ihm pochte das Blut über die Schläfen bis in die Ohren. „Bitte, ich brauche Wasser; und vielleicht irgendetwas zu essen“ Er hatte ihr vertraut, als sie ihm Essen brachte. Wie könnte er von dem Wasser trinken, falls sie ihr Versprechen einhielt und es ihm brachte?

Niemand hörte ihn. Niemand kam. Er beschloss der Tür fern zu bleiben, bis sich eine Gelegenheit ergab sie im Sturm zu erobern und zu fliehen. Er wollte einfach nur leben und nicht in diesem Keller enden. Egal wie.

Es gibt für alles eine Lösung hatte er immer gepredigt. Wenn er nur wüsste, was sie von ihm wollte… ihm fielen die Augen zu. Des Kellers dunkle Nacht brach leise und feuchtkalt über ihn herein…
© Patrick H.

PS: Danke an Darkday für das Bild in Creative Common Lizenz

https://www.flickr.com/photos/drainrat/15533238137/in/photolist-pEBUwD-6xWBiC-5ry1SC-m7F6G2-9eyWNb-bkaSvN-oCyaVs-vB2x4t-4xV25U-9cv9mE-4AHYkW-dc2igb-dKQeyw-oLFNgY-98jty4-pAEHE4-6oqvSo-FX6m3i-4zasaJ-4wx1hD-8HR9Sx-BYkVTd-2GdFVD-9bcqup-bkaRWU-fshNqv-dHcmy5-gVJio-6HJdi-6osf4Y-5Mdgdi-q9QZqP-54v7ZK-PYHj1-by5Lfk-dt3z9F-cpJnVb-by5LsB-by5L7n-frXppn-bXe4H1-dsprEj-qvn4Yk-5UNR11-3NafY-6Xev3a-gPeo3n-oBki7m-enf5bu-9iRRQR
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26 Gedanken zu “Letzter Atemzug – Dunkelheit

  1. Patrick H.

    Vielen Dank für Eure Kommentare und Likes! Diese Szene hat sich gestern wie eine Wolke in meinem Kopf gebildet.
    Euer Feedback bestärkt mich darin, aus dieser Situation eine kurze Geschichte wachsen zu lassen.
    Einige gute Ansätze habe ich bereits… Ich würde mich freuen, wenn Ihr wissen wollt, wie es Erik im Weiteren so ergeht.
    Wer das Kontaktformular ( https://issoundnichtanders.wordpress.com/kontakt/ ) ausfüllt erhält von mir eine Mail mit einem Link, wenn es weiter geht.
    Liebe Grüße
    Patrick

    Gefällt mir

    1. Patrick H.

      Etwas kniffelig. Ich. bin schon viel weiter, aber habe es erstmal auf Eis gelegt. Ich bin ein Schnelldenker und überhole mich daher gerne selbst. Da sich das auch auf meinen Schreibstil niederschlägt müsste ich die nun 13 Seiten auf mindestens das Doppelte ausschmücken und erklären. Da habe ich derzeit nicht die Muße zu.
      Soll ja auch mich Herz geschrieben sein 🙂

      Aber er muss ganz schön einstecken und lernen….
      Stay tuned….
      Liebe Grüße aus Hollenstedt
      Patrick

      Gefällt 1 Person

    1. Jein, ich bin schon viiiieeelll weiter. Der arme 🙂
      Aber irgendwie scheitere ich leider zeitlich daran, eine richtige Geschichte draus zu stricken…. Aber es geht nichts verloren…. Das Storyboard steht und ich habe alle Situationen festgezurrt…

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